Der Verlag M – ein spezieller Verlag

Von Jacqueline Hendriks und Sarah Geißler

Der Verlag M wurde von der Stadtmuseum Berlin GmbH, Tochter der Stiftung Stadtmuseum Berlin, im Frühjahr des Jahres 2008 gegründet. Die drei Editionen „Berliner Objekte“, „Berliner Subjekte“ und „Berliner Ideen“ stellen Aspekte des Berliner Lebens und die Vielfalt des Stadtmuseums vor.

Von der Idee bis zum Druck

Der Verlag M veröffentlicht Bücher über das Berliner Leben in all seinen Facetten. „Wir sind kein außergewöhnlicher Verlag“, meint Christine Friedrich, die Geschäftsführerin. „Aber die Idee, mit dem Museum im Hintergrund zu agieren - das macht uns besonders.“

Die Gründung

„Wir lieben Bücher einfach“, so kurz und prägnant ist die Begründung zur Entstehung des Verlags. Bescheiden beschreibt Christine Friedrich, dass ihr Verlag noch am Anfang stehe und daher relativ klein sei. Aber schon im ersten Jahr erscheinen drei Publikationen in den Editionen „Berliner Objekte“, „Berliner Subjekte“ und „Berliner Ideen“. „Berliner Objekte“ behandelt Gebäude und Ausstellungsgegenstände des Museums von historischer Bedeutung und zeigt, welches Geschichten- und Geschichtspotential in scheinbar Nebensächlichem oder auch Offensichtlichem steckt. „Berliner Subjekte“ befasst sich mit interessanten Menschen, egal ob berühmt oder nicht, und deren Lebenswegen abseits der ausgetretenen Pfade. „Berliner Ideen“ spürt ungewöhnlichen Fragestellungen und gesellschaftlichen Entwicklungen nach, wirft Fragen und Diskussionsmaterial in den Raum. Alles natürlich mit Bezug auf Berlin.

Geschichten über Geschichte

Die Motivation für den Verlag entsteht aus dem Wunsch, dass ein Geben und Nehmen zwischen Stadtmuseum und Verlag stattfindet. „Jemand kommt ins Museum sieht einen Gegenstand und möchte gerne mehr darüber erfahren, also liest er unser Buch. Oder auch umgekehrt: Auf Grund eines unserer Bücher wirft jemand einen genaueren Blick auf eine Ausstellung. Wir wollen erzählen, und zwar Geschichten über Geschichte“, sagt Christine Friedrich. Dabei widerlegt der Verlag das Klischee des verstaubten und öde wirkenden Museumsbesuches. Hier ist Geschichte keinesfalls langweilig oder trist, die Erzählungen sind vielmehr lebhaft, tiefgründig und sogar oft sehr berührend geschildert.

Von Museumswärtern und Gott

Die Veröffentlichung „Gefühlte Geschichte - 100 Jahre Märkisches Museum“ zeigt die Geschichte des Museums mit Originaldokumenten des Architekten Ludwig Hoffmann, historischen Fotos Ernst von Brauchitschs und Essays über Ursprung und Entwicklung des Stadtmuseums.

Das Buch „Ansichten von Aufsichten“ aus der Reihe „Berliner Subjekte“ wirft einen völlig neuen Blick auf Museumswärter in Berlins Museen. „Die Menschen kommen in Museen, um zu betrachten, bestaunen, zu erfahren, merken dabei aber oft nicht, dass sie selbst Objekt der Betrachtung werden: für die Wärter.“ Dass die Museumsbesucher ein Schauspiel für die Aufsicht sein können, verdeutlicht ein Zitat aus dem Buch: „Es ist wie auf einer Bühne, man steht in der Ecke und schaut zu.“

Man gewinnt Eindrücke von Menschen aller Art: Junge Paare, bei denen man eindeutig merkt, dass eigentlich nur die Frau an der Ausstellung Interesse hat, Schulklassen, Familien, Müttern mit Kindern, etc. Die Bandbreite ist enorm.Viele empfinden diese Aufsichten sogar als störend, denkt man sie sich doch oftmals den strengen Aufpasser, der einen daraufhin weist, das Abgrenzband nicht zu übertreten. Vielmehr führen, leiten oder betreuen sie. „Im Jüdischen Museum beispielsweise sind die Erlebnisse oftmals gerade für ältere Personen so berührend, dass die Wärter sie trösten müssen.“

Zum Nachdenken regt das Werk „Gott und andere Götter - Mit einem Fake auf der Suche nach Gott“ an. Der Autor Ernst Volland nutzt einen Fake: Er gibt sich als Eltern des 8-jährigen Marcos aus und schickt den verschiedensten Religionsgemeinschaften auf der ganzen Welt eine Kinderzeichnung von Gott und einen Brief mit der Frage, wie Gott wirklich aussehe. Die Antworten befinden sich in dem Buch, ohne Erklärung. „Dem Leser wird das Ergebnis präsentiert. Was er mit dem Buch macht, wie er es einordnet, liegt bei ihm selbst“, so die Geschäftsführerin des Verlags M. „Es muss gestattet sein, Fragen zu stellen und zu provozieren. Dass jemand dann möglicherweise beleidigt ist, verstehe ich, dennoch finde ich die Idee sehr gut.“

Die Reihe „Berliner Ideen“ wird seit 2009 ergänzt um „Verkehr, Verkauf, Verzehr – Berliner Bahnhöfe, Markthallen und Schlachthäuser 1848–1919. Geschichten und ausgesuchte Rezepte“. Entlang der Umschlagplätze Bahnhöfe, Schlachthöfe und Markhallen entwirft der Berliner Autor und Journalist Gerhard Schiesser ein lebendiges Porträt der Stadt Berlin in den Jahren 1848 bis 1919. Er stellt dar, wie sich das bewegte Gefüge der angehenden Großstadt im Zeichen des Ersten Weltkriegs radikal verändert. Ergänzt um die Kochrezepte von Schiessers Sohn David wird das Buch zum Ausgangspunkt einer packenden, auch kulinarischen Entdeckungsreise: Berliner Geschichte, die durch den Magen geht.

Eine andere Neuveröffentlichung 2009 ist „Vom Museum aufs Schafott – Kleine Geschichte eines Richtbeils“ als „Berliner Objekt“. Ursprünglich als Replik für das Märkische Museum angefertigt, wurde das besagte Beil aus einem akuten Mangel heraus vom bloßen Exponat zum tödlichen Exekutionswerkzeug. Der Autor Uwe Winkler spannt den Bogen von einem missglückten Mordanschlag auf Kaiser Wilhelm 1878 über die Verhaftung des Attentäters und seinen Prozess bis hin zu seinen letzten Momenten auf dem Schafott und rollt in unterhaltsamer Art und Weise die Geschichte eines beinahe in Vergessenheit geratenen Ausstellungsgegenstandes auf.

Bücher für die Sinne und den Geist

Bücher wurden schon oft tot gesagt, ersetzbar durch E-books. Dennoch gibt es sie heute noch. Verlage wie der Verlag M sprechen dafür. „Ein Buch ist ein haptisches Erlebnis, allein schon der Duft“, schwärmt Christine Friedrich. Nicht nur die Sinne, sondern auch den Geist regen die Bücher an. „Wir können die Bildungsidee, die hinter dem Museum steckt, ergänzen.“

Wahre Liebe zum Detail

Bei der Sitzung zur Entscheidung des Layouts merkt man ebenfalls die Hingabe, mit welcher die Bücher erstellt werden. Allein schon die Wahl der Farbe für den Umschlag weist Assoziationen von grün-Landwirtschaft bis rostrot-Schlachthaus auf. Ob den Lesern das auffällt, ist zwar fraglich, aber das Gesamtergebnis ist definitiv stimmig und das merken die Käufer.

Erfolge

Was sieht Christine Friedrich als ihren größten Erfolg an?
„Der größte Erfolg an sich ist natürlich, den Verlag M überhaupt gegründet zu haben.Aber eigentlich ist es einfach toll, solch wunderbare Partner gefunden zu haben. Die Druckerei Albdruck, mit der wir zusammenarbeiten, ist großartig. Die lieben Papier, Druckerschwärze und alles, was mit Druck zu tun hat. Wenn man den Drucker sieht, dann steht er stolz wie ein Kapitän auf dem Schiff. Es ist ein Erlebnis. Und auch die Werbeagentur Giraffe aus Frankfurt/Oder ist großartig. Sie nehmen sich immer sehr viel Zeit, um unsere Vorstellungen zu verwirklichen."

Um die Ziele des Verlags zu beschreiben, zitiert Christine Friedrich die Worte von Kurt Schwitters: „Ich möchte Beziehungen schaffen, am liebsten zwischen allen Dingen der Welt“. Beziehungen zwischen Geschichte und Geschichten, zwischen dem Leben von Berlinern und ihrer Zeit und ihrem Ort – Berlin natürlich – sowie zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen aktuellen Problemen und gesellschaftlichen Zuständen - diese Beziehungen zeigt der Verlag M in seinen Büchern auf.

www.verlag-m.de

Von Jacqueline Hendriks und Sarah Geißler