Eine Deutsche Legende

Von Willi Rabe | 04. 05. 2010

Vor 200 Jahren starb Königin Luise von Preußen. Die Geschichte ihres Lebens und Nachlebens, von der frechen Prinzessin zur überhöhten Heiligen, ist eng verknüpft mit der Geschichte der Entstehung des deutschen Nationalstaates.

Zwei Wachleute gewähren Zutritt: „Nicht fotografieren!“. Marmorne Stufen führen hinauf. Dann steht man am mächtigen weißen Sarkophag, auf dem die ebenso marmorne Königin ruht. „Du schläfst so sanft!“ dichtete 1812 der patriotische Theodor Körner über diese Skulptur. Beinah fällt tatsächlich durch die hohen Fenster ein Sonnenstrahl auf ihr Haupt, so wie es im Schloss auf einem großen repräsentativen Gemälde zu sehen ist. Dort steht Wilhelm I. am Sarkophag der Mutter. Es ist 1870. Die Franzosen haben gerade, ausgerechnet am sechzigstem Todestag der Königin, Preußen den Krieg erklärt, der die Gründung des deutschen Kaiserreiches zur Folge haben wird. Das Staatsoberhaupt sinniert schwermütig beim Anblick des in himmlisches Licht getauchten Hauptes. Die Tote muss dem alten Krieger Beistand leisten. Es ist der Höhepunkt ihrer symbolischen Bedeutung im so lange schwelenden Konflikt der Deutschen mit ihren französischen Nachbarn. Dem zeitgenössischen Betrachter fiel sicherlich das Ende des Körner-Gedichtes ein: „Kommt dann der Tag der Freiheit und der Rache: / Dann ruft dein Volk, dann, deutsche Frau, erwache ...“

Die preußische Königin der Herzen

2010 ist Luisenjahr. Ein paar wenige Blumen verdorren heute auf der Gedenktafel im Mausoleum im Schlosspark Charlottenburg, hinterlassen von übrig gebliebenen Ewigtreuen. Dem modernen Berliner muss man aber erst einmal erklären, wessen Jubiläum hier begangen wird. Sie sei ja eigentlich so etwas wie die Lady Di der Preußen gewesen, heißt es dann. Ist es das, was das heutige Interesse an ihr ausmacht? Wird sie dem Haufen der Royals zugeschlagen, deren wenig beneidenswertes Schicksal darin besteht, der Klatschpresse als Fressnapf zu dienen?

Im Schloss Charlottenburg läuft noch eine Ausstellung zum Gedenkjahr. Hauptattraktion sind sicher die prächtig wiederhergestellten Gemächer der Königin. Die Ausstellung selbst versammelt zahlreiche Gemälde und allerhand Memorabilia: Briefe, Porzellan, der königliche Ehering; aber auch viele „Fanartikel“ aus dem 19. Jahrhundert. Es ist vor allem das öffentliche Bild der Königin, erkennbar an solchen Merchandiseprodukten, das auch heute noch interessiert und vielleicht Einblick in eine frühere „deutsche Seele“ gibt.

Aristokratin mit Eigensinn

Luise verdankt einen guten Teil ihres Nachruhms den Bildhauern. Dabei ist mit der Zeit der Fokus von Christian Daniel Rauchs Patriotismus stiftender Luisenleiche auf die Darstellung Johann Gottfried Schadows übergegangen, die Luise als junge Prinzessin mit ihrer Schwester zeigt. Letztere war Luises Gatten, Friedrich Wilhelm III., zu anzüglich, weswegen sie früher kaum ausgestellt wurde. Derselbe Grund, der das neunzehnte Jahrhundert dieses Bildnis ignorieren ließ, lässt es uns heute, die wir dem Herrschaftsanspruch der Hohenzollern nicht nachhängen, gerade sympathisch erscheinen. Bevor sie es nämlich als Mutter der Nation mit Napoleon aufnehmen musste, rührte Luises Popularität eher von ihrer jugendlichen Schönheit und ihrer liebenswerten Missachtung höfischer Etikette. Berühmt ist die Anekdote, nach der sie beim ersten Einzug als Braut des Kronprinzen in Berlin eine grüßende Untertanin herzlich umarmte und küsste,die Oberhofmeisterin zur Weißglut treibend. Mit dieser Leichtigkeit begegnet sie uns in Schadows Schwesternskulptur: eher niedlich als ehrwürdig.

Ihre Unkonventionalität bestand damals aber nicht darin, eine eigenständige, emanzipierte Frau zu sein. Als neu sah man vielmehr die Abkehr von der aristokratischen Unsittlichkeit, für die Friedrich Wilhelm II. berüchtigt gewesen war. Luise und Friedrich Wilhelm III. erschienen dagegen als bürgerliches Ehepaar im Königshaus, das sich sogar untereinander duzte. Novalis, der große Romantiker, verfiel völlig ins Schwärmen: „Die beständige Verwebung des königlichen Paars in das häusliche und öffentliche Leben“ mache die Herrschaft des Adels für das aufsteigende Bürgertum schmackhaft, wodurch ein „ächter Patriotism“ entstünde. Die Tugendehe des Königspaars solle vorbildhaft auf das ganze Land ausstrahlen! Mit Luise als Königin musste man den Obrigkeitsstaat einfach lieben.

Luise vs. Napoleon

Nun war Luise tatsächlich innerhalb von 16 Jahren ganze zehn mal schwanger; dass sie mit ihren Kindern selbst viel Zeit verbrachte, machte ihren bürgerlichen Reiz aus. Sie ließ sich aber durchaus nicht auf diese Rolle beschränken. Je stärker sich der Konflikt mit Frankreich zuspitzte und je deutlicher die institutionelle Einrostung Preußens hervortrat, desto nachdrücklicher wurde der Einfluss, den sie als engste Vertraute auf den König ausübte. Friedrich Wilhelm III. war bekannt für seine Zögerlichkeit, seinen Unwillen gegenüber vorschneller Erneuerung. Luise dagegen bewegte sich in modernen, reformerischen Kreisen. Sie hatte Verbindungen zur romantischen Berliner Salonkultur. Stein und Hardenberg suchten sogar zeitweise den Umweg über Luise, um dem König ihre Ideen zu unterbreiten. Diese beiden damals hochmodernen Köpfe hatten beim König nämlich keinen guten Stand. Die patriotische Fraktion in Berlin, die gegen die preußische Neutralität war und zum Widerstand gegen Napoleon drängte, war gar bekannt als „Partei der Königin“.

Für Bonaparte freilich waren die Preußen zunächst wenig mehr als eine kurze Pause auf dem Marsch nach Russland, ohne viel Schwierigkeiten konnte er sie bei Jena und Auerstedt vernichtend schlagen. Luise floh daraufhin in die östlichen Gebiete Preußens; dieses „mutige Ausharren“ in der Verfolgung wird später Teil der patriotischen Luisenlegende. 1810 starb die Königin mit nur 34 Jahren. Der Arzt diagnostizierte einen Herzfehler. Man ließ es sich nicht nehmen, daraus den Mythos zu spinnen, die tapfere Luise sei am gebrochenen Herzen gestorben, verzweifelt am Schicksal des Vaterlandes, geradezu ermordet von den Franzosen! Theodor Körners Beschwörung der Königin zum „Tag der Rache“ zeigte schon in den Befreiungskriegen 1813-1815 seine Wirkung.

Schutzpatronin des Kaiserreiches

1870/71 schloss sich der Kreis. Im Deutsch-Französischen Krieg wurde der „Erbfeind“ Frankreich noch einmal geschlagen. Luise war „gerächt“, ihr Sohn Wilhelm Kaiser des geeinigten Deutschen Reiches. Man sieht im Verlauf der Ausstellung im Schloss Charlottenburg, wie mit dem wachsenden Reichtum des Kaiserreiches die Darstellung der Königin immer goldener und prächtiger wird. Wo sie in zeitgenössischen Bildern noch im leichten griechischen Tuch kaum verhüllt ist, muss sie nun schweres Geschmeide und noch schwerere Kleider tragen. Sie wurde immer noch den Mädchen als Vorbild an Frauentugend empfohlen, wobei ihr freches Benehmen und politisches Denken weniger wichtig wurden als Ehetreue und Mutterschaft. Aber als Symbolfigur des Staates war sie mit dessen zunehmend aggressiven Imperialismus immer weniger kompatibel. Natürlich pflegte man ihr Andenken in den monarchischen Vereinen, die noch Jahre nach dem ersten Weltkrieg den alten Kaiser wieder haben wollten und deren alljährlich fleißig dargebrachten Gedenkschleifen im Keller des Charlottenburger Mausoleums angesammelt sind. Im Dritten Reich wurde sie, die „Widerstandskämpferin“ gegen Napoleons Weltdiktatur, kaum noch beschworen. Zwar tritt sie noch einmal auf, ganz zuletzt, im Durchhaltefilm „Kolberg“. Die Darstellerin aber ist blass und entrückt, so hohl und unwirklich wie das ganze Goebbels-Theater.

Das Ende einer Legende

Mit dem Ende der nationalistischen Anmaßungen der Deutschen verblasste auch die Luisenlegende. Der Mythos der bürgerlichen Königin, der Patriotin und Märtyrerin, der Hausfrau und Kaisermutter hat mit der Zeit seine Wirkung verloren. Die Veranstalter der Ausstellung in Charlottenburg versuchen diese Fremdheit zu überwinden, indem sie Luise auf ihren Plakaten als moderne „Working Mom“ bewerben. Das ist freilich fast ebenso verfälschend wie die Behauptungen der männlichen Historiker des 19. Jahrhunderts, die Luise nicht als Politikerin sahen, sondern ihr nur die weibliche Rolle der moralischen Unterstützung ihres Mannes und der Bevölkerung zugestanden. Man sieht an solchen Aneignungen, dass Luise vor allem eines war und ist: eine Projektionsfläche für das deutsche Selbstverständnis.


Luise Schorn Schütte gibt in ihrem Band aus der Reihe C.H. Beck Wissen kurz und bündig einen Überblick zu „Königin Luise. Leben und Legende“. Günter de Bruyn beschreibt in seinem reich bebilderten Essay „Preußens Luise“ das Nachleben der Königin in der Kunst. Der deutsche „Luisenkult“ ist umfangreich untersucht im gleichnamigen Buch von Philipp Demandt. Luise ist auch Thema eines Kapitels in Herfried Münklers schwergewichtigem Buch über „Die Deutschen und ihre Mythen“.
„Luise. Leben und Mythos der Königin.“ läuft im Schloss Charlottenburg vom 6. März bis zum 30. Mai 2010. Den Schlosspark und das Mausoleum kann man auch ohne Eintrittskarte besuchen.


Kein Kult mit der Königin

Der Bürgerverein Luisenstadt gedenkt seiner Namensgeberin - mit gebührendem Abstand.

Für die Menschen im Zentrum Berlins gibt es einen besonderen Grund sich im Gedankjahr 2010 der Königin Luise zu erinnern. 1802 wurde einer Gemeinschaft bei Berlin der Name „Luisenstadt“ verliehen; die Königin stiftete dazu eine Bürgerfahne. Schon seit der Entstehung „Großberlins“ 1920 hat dieser Stadtteil diesen Namen offiziell verloren; er wurde aufgeteilt auf Mitte und Kreuzberg. Die Mauer vertiefte die Trennung; aber gerade im Widerstand gegen dieses Auseinanderreißen und als Beitrag zur Wiedervereinigung versucht man die Luisenstadt als Einheit am Leben zu halten.

Regelmäßig findet sich dazu eine kleine Gruppe in einem engen Raum in der Michaelkirchstraße, unweit des Engelbeckens. Das schlichte Vereinszimmer ist fast vollständig von einem Tisch ausgefüllt. Die Wände sind mit verschiedenen Karten und Plänen der Luisenstadt verkleidet. Es gibt Sekt und Kaffee.

Die Arbeitsgemeinschaft Geschichte ist Teil des Bürgervereins Luisenstadt, der sich seit 1991 für den Identitätserhalt dieses alten Stadtteils einsetzt. Man veranstaltet Führungen und Vorträge; für den 25. 06. ist ein großes Sommerfest angesetzt. Auch der Bürgerverein hat das Jahr 2010 ins Zeichen Luises gesetzt. Sie wird gern gesehen als Symbolfigur, die der zerteilten Luisenstadt Zusammenhalt gibt. Mit allzu viel übertriebener Demut begegnet man ihr dennoch nicht. Sie sei ja schon eine wichtige historische Figur gewesen, „aber einen Kult treiben wir damit nicht“, versichert Wolfgang Pohle von der Arbeitsgemeinschaft.

Der Großteil der Geschichtsgruppe gehört auch der Nachkriegsgeneration an, die schon in ihrer Kindheit die preußische Vergangenheit mit einiger Skepsis betrachtet hat. Dass nun die Königin wieder popularisiert wird, ist eine neue Entwicklung. Die Geschichtsliebhaber sehen es natürlich gern, dass sich die Stadt bemüht, die Erinnerung an ihre Vergangenheit wach zu halten. „Luise ist durchaus gut geeignet“, so Pohle, „für den Tourismus Höhepunkte zu setzen“. Sie wird heute also nicht mehr gebraucht, um für das Vaterland zu begeistern; allenfalls zur Aufbesserung notorisch leerer Kassen.

Bei aller nötigen Distanz hat aber auch der Bürgerverein einen Doppelvortrag angesetzt, um den Luisenstädtern von ihrer Namensstifterin zu erzählen. Dafür hat man Erhard Mayer engagiert, bekannt als „Luisen-Mayer“. Der ehemalige Gärtner im Berliner Zoo versucht schon seit 1978 die Menschen für die Königin zu begeistern. „Das ist ein Berliner Original“, erklärt Pohle. „Wenn einer über Luise bescheid weiß, dann er.“

Der Bürgerverein Luisenstadt veranstaltet einen zweiteiligen Vortrag von Erhard Mayer am 19. Mai und 22. September 18:00 Uhr im Vortragssaal der WBG Berolina, Neue Jakobstraße 30. Der Eintritt ist frei.