Grüne Dächer für die Hauptstadt

von Christoph Bloch

Was gibt es Schöneres als in einem grünen Garten über der Stadt zu sitzen. Dieses Erlebnis kann man mit keinem großen Balkon wettmachen. Den uneingeschränkten Rundumblick und das Gefühl von Freiheit über dem Kopf wird man nur auf einem Dach erfahren. Da sei schon die Frage erlaubt, ob dieses Privileg nur der Elite vorbehalten sein sollte, die das nötige Geld hat, um exklusive Dachterrassen zu bauen.

Die Initiative "Dachgärten für alle" ist da ganz anderer Meinung. Allen Menschen sollte der Zugang zum Dach ermöglicht werden. Und nicht nur der Zugang, sondern auch die Möglichkeit, diesen Raum gemeinsam zu bewirtschaften und zu gestalten. So setzt sie sich für die Begrünung der kahlen Dächer in der Hauptstadt ein, um auf diese Weise neue Gemeinschafträume für die Bewohner der Häuser zu erschließen. Ein neuer Treffpunkt, ein Gemeinschaftsdachgarten sollte entstehen, der allen Mietern jederzeit offen steht, und in dem sie ihre Freizeit genießen können. Denn oft kennt man nicht einmal die eigenen Nachbarn im Haus, und so einfach anzuklopfen und sich vorstellen, tun nur sehr wenige. Es ist doch viel entspannter, sich mit den Nachbarn in einem Dachgarten zu treffen, als im Treppenhaus aneinander vorbeizuhetzen. So bekäme man die Möglichkeit, aus der Anonymität heraustreten und unbezwungen neue Kontakte knüpfen zu können. Auch der gesundheitliche Aspekt darf nicht unberücksichtigt bleiben. Vor allem im Winter, wenn die Sonne viel tiefer steht, werden viele Großstädter von Depressionen geplagt. Hätte man die Möglichkeit, die Sonnenstrahlen auch zu dieser Jahreszeit uneingeschränkt zu genießen, könnte man Depressionen und Krankheiten vorbeugen. So würde man auf natürliche Weise eine antidepressive und Vitamin-D-bildende Lichttherapie bekommen, die sich die meisten sonst, Nebenwirkungen inbegriffen, im Solarium holen. Neben den sozialen Aspekten würde natürlich auch der Wohn- und Lebenskomfort der Hausbewohner steigen.

Es sind aber nicht nur der Lebenskomfort oder der Unterhaltungswert, die bei der Eroberung der Dächer eine Rolle spielen. Was die Ökologie anbetrifft, bieten die weiträumigen freien Flächen ein großes Potenzial, von dem alle BerlinerInnen profitieren könnten. All die ungenutzten Räume könnten im Sinne der Allgemeinheit bewirtschaftet werden. Sei es als grüne Lungen der Stadt oder als Nutzflächen für Solaranlagen. Grüne Dächer sind echte Naturoasen für die Stadt. Viele Tier- und Pflanzenarten finden auf grünen Dächern ihren Lebensraum. Auch das Regenwasser würde dann nicht direkt in die Kanalisation fließen, sondern könnte auf dem Dach nutzbar gemacht werden. Als Beispiel soll angeführt werden, dass z.B. nur 1,5 Quadratmeter eines ungemähten grünen Daches den Sauerstoffbedarf eines Menschen decken. Auch die riesigen Möglichkeiten der alternativen Energiegewinnung, die mitten in der Stadt schlummern, dürfen nicht unterschätzt werden. Betrachtet man die Anzahl der Sonnentage in Berlin, an denen die groß Flächen von der Sonne bestrahlt werden, wird man sich der Energieverschwendung bewusst.

Die Dächer der Hauptstadt bieten ein großes Potenzial, das man erstens erkennen und zweitens auch nutzen sollte. Lärmbelästigung und Sicherheit müssten natürlich bei solchen Projekten mitberücksichtigt werden. Es wäre falsch und unklug, den Menschen diesen großen Raum, der ungenutzt und unbewirtschaftet vor sich hinschlummert,zu verweigern.