Helfende mechanische Hände

von Maren Scholz / 10. 06.2010

Im Science Center Medizintechnik wird gezeigt, dass das Leben durch eine Behinderung nicht behindert sein muss.

Die Treppe hochgehen und die Tür zur Wohnung aufschließen, dann die Jacke aufhängen. Diese kleine alltägliche Abfolge von Aktivitäten erscheint jedem von uns normal. Wie viel unser Körper dabei leistet wird erst klar, wenn sie plötzlich nicht mehr selbstverständlich möglich sind. Und das kann ganz plötzlich kommen: Durch einen Unfall kann eine Amputation plötzlich notwendig werden, und so werden kleine Aufgaben plötzlich anscheinend für immer zu großen Herausforderungen.

Medizintechnik als Hilfmittel zum selbstbestimmten Leben
Ein Stück der Bewegungsfreiheit und somit der Selbständigkeit kann durch Prothesen wieder hergestellt werden. Wenn man keinen Schicksalsschlag erlitten oder bei jemanden aus Bekanntenkreis oder Familie miterlebt hat, muss man sich mit dieser Technologie aber selten beschäftigen. Im Science Center in der Ebertstraße wird nun ein Einblick gewährt, nicht nur auf das, was unser Körper leistet, sondern auch darauf, wie fehlende Körperteile ausgeglichen werden können und wie die Medizintechnik sich entwickelt hat und noch weiterwachsen kann.

Das Science Center Medizintechnik stellt nur Produkte von Otto Bock aus. Zum 90. Geburtstag im Jahr 2009 schenkte sich das Unternehmen, dessen Hauptsitz in Duderstadt liegt, die Ausstellung in Berlin. Sie wurde am 16. Juni letzten Jahres eröffnet und bereits von der Initiative „Land der Ideen“ ausgezeichnet. Das Haus ist dem Inhalt thematisch angepasst: Die weiße, geschwungene Fassade stellt Muskelfasern dar. Nachts läuft darauf noch der „Walker“, eine Ansammlung von Lichtpunkten, die beim sich beim Näheren betrachten als Laufanimation eines Menschen herausrstellt. Ausprobieren und verstellen - nach Gemütslage, nach Geschlecht, nach Gewicht - kann man den Walker auch im Museum oder auf der Website.

Otto Bock
Die Otto Bock HealthCare GmbH ist tätig im Bereich Orthopädietechnik und stellt unter anderem Prothesen, Orthesen und Rollstühle her. Als Aufgabe der Medizintechnik sieht die Firma es laut eigener Aussage, die Lebensqualität von Menschen mit Behinderung zu erhalten. Das bedeutet, die höchstmögliche Mobilität und damit Unabhängigkeit herzustellen.
Die Ausstellung in Berlin ist eine Rückkehr zu den Anfängen; die Frima wurde 1919 in Kruezberg gegründet. Direkt nach dem Weltkrieg war es mit der dort entwickelten Passteil-Fertigung möglich, viele Kriegsversehrte zu versorgen. Bald darauf zieht das Unternehmen nach Königssee in Thüringen um, und etabliert später, unter Otto Bocks Nachfolger und Schwiegersohn Max Näder, den Hauptsitz in Duderstadt. Heute ist das Unternehmen mit über 4500 Mitarbeitern in 43 Ländern und bis zu 100 Patentregistrierungen jährlich Weltmarktführer.

Somit kann sich das Unternehmen die Ausstellung plus Gebäude also leisten. Schließlich spielt auch Eigenwerbung eine Rolle. Patienten, die heutzutage zwischen verschiedenen Produkten wählen können, müssen genau so gewonnen werden wie Kunden in alltäglicheren Geschäften. Eintritt kostet das Science Center wohl auch deshalb nicht, obwohl neben der Wartung auch die sogenannten „Science Guides“ bezahlt werden müssen, die als fachkundige Ansprechpartner auf jeder Etage des Museums zur Verfügung stehen.

Interaktive Ausstellung
Vom sechsgeschossigen Gebäude sind drei Etagen der Ausstellung gewidmet. Darüber liegen die Administration des Science Centers und einer Stiftung der Firma, dann die Otto Bock Academy, in der unter anderem Seminare stattfinden, und das Kompetenz-Zentrum, ein Orthopädie-Werkstatt.

Die Ausstellung baut aufeinander auf. In der unteren Etage „Faszination Gehen und Greifen“ wird an interaktiven Touchscreens mehr über die Grundlagen dieser elementarer Funktionen des Körper erklärt. Kuriose Fakten aufsammeln mit inbegriffen: Zum Beispiel, dass ein Mensch in einem achtzigjährigen Leben so viel läuft, dass er drei Mal die Welt umrundet hat. Eine Maschine mit zwei Joysticks hält mehrere Minispiele zum Testen der Reaktionsfähigkeit bereit. Momentan beinhaltet das Erdgeschoss auch die kleine Sonderausstellung zur Expo 2010 in Shanghai, auf dem im „Life & Sunshine“ Pavillon das erste Mal Leben mit Behinderung auf der Expo zum Thema wird.

Die Stationen mit Touchscreens setzen sich im zweiten Stock unter dem Motto „Vorbild Natur“ fort. Die Ausstellung hat zwar viele interaktive Elemente, aber lesen wird der Besucher trotzdem viel, wenn er sich wirklich interessiert. Die Touchscreens machen die Erfahrung aber angenehmer, da keine großen Blöcke von Text nebeneinander hängen, sondern sich die gewünschten Informationen einfach heraussuchen lassen. Wissenschaftliche Beobachtungen sind außerdem verkürzt und für Laien gut verständlich präsentiert. „Vorbild Natur“ erklärt immer in genauer Gegenüberstellung - am oberen Bildrand „Technik“ oder „Natur“ anklicken -, wie die eine Stockwerk tiefer erklärten Funktionen des Körpers mit Prothesen übersetzt werden. Wer weniger lesen und mehr tun will, wird sich ebenfalls nicht langweilen. Zum Beispiel haben Besucher die Chance haben, über eine Videoprojektion eines Luftbilds des Potsdamer Platzes oder eines Dschungels zu balancieren.

„Technologie für Menschen“ bildet den sinnvollen Abschluss. Hier werden Prothesen vorgestellt und mittels Maschinen versucht, einen Eindruck zu geben wie das Leben mit Behinderung sich anfühlt. Unter anderem ein Rollstuhl steht bereit, um einen virtuellen Parcours über den Pariser Platz zu fahren. Außerdem gibt es auch Berichte über die Zukunft von Medizintechnik. In der Wand eingelassen sind kleine Bildschirme, auf denen Menschen mit Prothesen von ihren Erfahrungen und Erfolgen im täglichen Leben erzählen.

So modern wie die Ausstellung aufgebaut ist kann man sich natürlich nur in ein digitales Gästebuch eintragen. Glücklicherweise für das wichtige Thema, dass die Ausstellung behandelt, kommt im Science Center selten das Gefühl auf, eine aufwendige Werbeveranstaltung über sich ergehen zu lassen. Das Science Center nimmt ein wenig die Angst vor der Idee eines Lebens mit Behinderung sowie auch die Distanz zu dem Thema, und erreicht damit, dass der Besucher den weißen Würfel ein bisschen klüger verlässt.

Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Eintritt frei
http://www.sciencecenter-medizintechnik.de/