Hinter grauen Wänden

von Maren Scholz / 10. Juni 2010

Das ehemalige DDR-Fernmeldeamt zieht Berliner Kulturschaffende an. 

Wer die Klosterstraße 44 betreten möchte, steht vor verschlossener Tür. Ein Klingeschild gibt es nicht, wer hinein will muss bei den Mietern anrufen. Das verstärkt nur den abweisenden Eindruck des Gebäudes, und der graue, vage an ein Lagerhaus erinnernder Betonklotz mit vergitterten Fenstern im Erdgeschoss ist nicht einladend.

Die Klosterstraße selber wurde bereits im 13. Jahrhundert angelegt, aber wie unschwer am Baustil zu erkennen ist Nummer 44 keines der vielen alten, historisch interessanten Gebäude. Es steht direkt an der Sackgasse, in der die Klosterstraße heute endet, an einer Verkehrsstraße hinter der der Alexanderplatz liegt.

Der graue Klotz ist das ehemalige Osterberliner Fernmeldeamt. Von hier aus wurde unter anderem das Sonderfernsprechnetz des Ministerrates der DDR, das R-Netz, verwaltet. Für die Funktion sieht das Gebäude auch passend aus. Seit es aber dafür nicht mehr gebraucht wird hat sich vor allem in den letzten paar Jahren eine Wandlung vollzogen. Wer heute auf die Reihe von grauen Briefkästen guckt, findet unter Architekten und Künstlern den Bühnenbildner und Skulpturenbauer art4arts, einen Verlag und ein Theater. Angezogen werden sie durch die zentrale Lage und die Nähe zum Alexanderplatz, die das unscheinbare Gebäude interessant für die Berliner Kulturszene machen.

Kurzes Zwischenspiel des WMF-Club
2009 wurde das alte Fernmeldeamt sogar schon zum Schauplatz der Beck’s Fashion Show, die im WMF-Club stattfand. Der Berliner Kultclub, der im Januar 2009 eingezogen war, hat sich allerdings nur noch bis zum März diesen Jahres gehalten. Heute kann man sich die Überreste ansehen, wenn man den zweiten, geschmückteren Eingang der Klosterstraße benutzt, von dem man aber nicht ins Hauptgebäude gelangt, sondern in den mit Kabeln, Flaschen und Zeitungsblättern bedeckten Vorraum des ehemaligen Clubs.
Wegen eines „schwierigen wirtschaftlichen Umfelds“ sei es nicht möglich gewesen, das WMF an diesem Standpunkt weiter zu führen. Von Anfang an stand das Clubleben unter keinem guten Stern. Nach dem Einzug dauerte schon Monate, bis der Club die Sondergenehmigungen für regelmäßige Partys erst einmal erhielt. Gescheitert ist es wohl aber nicht an den Ämtern, sondern am Geld. Der Vermieter kündigte dem WMF-Club und die Betreiberfirma Abbey Roads GmbH musste Insolvenz anmelden.

Moderne Schauspielkunst im Theaterdiscounter
Die Geschichte des WMF ist allerdings nicht exemplarisch für die Klosterstraße 44. Das unscheinbare graue Gebäude stellt sich sonst anscheinend als guter Nährboden für die alternative Berline Kultur da. Auch der Theaterdiscounter, ein 2003 von freien Theaterschaffenden gegründetes Format, ist erst Anfang 2009 in das Gebäude eingezogen. Bis jetzt zeichnet sich noch nicht ab, dass die Bühne dort so bald wieder verschwinden wird. Die freie Spiel-und Produktionsstätte führt etwa 200 Vorstellungen pro Jahr auf. Geworben wird mit dem Image des „Billigtheaters“, wie schon am Namen zu erkennen, und zeitgenössisches Schauspiel, postdramatische Formen und experimentelles machen den Hauptteil des Programmes aus.

Der Blumenbar-Verlag
Der Blumenbar-Verlag ist ebenfalls ein Neuzugang von 2009. In München 2006 aus einem literarischen Salon heraus entstanden, beschäftigt sich der Independent-Verlag mit zeitgemäßen Büchern über Popkultur, Kunst und gesellschaftspolitische Themen. Unter anderem werden Leonard Cohen und Tracey Emin bei Blumenbar verlegt. Neben Publikationen organisiert Blumenbar auch kulturelle Events und temporäre Bars und möchte sich als Stimme seiner Zeit verstanden sehen sowie durch Authentizität ganz klar von kommerzielleren Verlagen abgrenzen. Hauptgründe für den Umzug nach Berlin war der Wunsch nach einer größeren literarischen Szene und die Kooperation mit dem Berlin Verlag. Die Nähe zum WMF-Club war beim Einzug auch kein Nachteil, um ein an modernen Lesungen interessiertes Publikum vielleicht noch zu erreichen. Einmal im Monat fanden im WMF die als „Hardcover“-Abende bezeichneten Lesungen zusammen mit dem Berlin-Verlag und Maxim Gorki Theater statt, wo Literatur und Musik zusammen spielen sollten.

Wie am Beispiel des Blumenbar-Verlages sind es natürlich auch die Mitmieter, die mittlerweile andere Kunstschaffende auf das Gebäude als möglichen Standpunkt aufmerksam machen. Sogar das alte Fernmeldeamt an sich, das so viel kreative Energie in sich versammelt hat beginnt, Spuren des zeitgenössischen kreativen Berlin zu tragen. Durch Tags und Cutups wird die graue Wand zumindest auf Augenhöhe gestaltet. Ob man diese Art von unangeleitetem Verschönerungsdrang nun gutheißt oder nicht, im Falle der Klosterstraße 44 wirkt es zumindest, als passe sich das Gebäude seinen neuen Bewohnern ein wenig an.